Kann das sein? Eine Verfilmung von „Corpus Delicti“ ohne die ideale Geliebte, das Alter Ego oder das Hirngespinst von Mia Holl, das den Roman von Juli Zeh aus dem Jahr 2009 zu etwas Besonderem gemacht hat? Kann es sein, dass Alexander Fehling als Chef-Methodist Heinrich Kramer eine solch vergleichsweise unbedeutende Rolle spielen muss, dass er auf eine nächtliche Affäre und eine undurchsichtige Zusammenkunft mit Moritz Holl im Gefängnis reduziert wird? Kann es sein, dass das automatisierte Fahren in der Mitte des 21. Jahrhunderts immer noch nicht Realität geworden ist?
Ziemlich negativ, oder?

Man kann es aber auch ganz anders sehen! Erfasst der Film, der bundesweit seit dem 1. Oktober 2026 in den deutschen Kinos gespielt wird und den sich die Klassen 9b, 9c, 9d und 10b am selben Tag in der Karlsruher Schauburg sowie im Berliner Filmtheater am Friedrichshain anschauen durften, das Thema der Romanvorlage nicht wirklich gut, obwohl er deutlich abweicht? Ist es nicht großartig, mit Christian Friedel einen der hervorragendsten deutschen Schauspieler in einer deutlich akzentuierten Rolle als Lutz Rosentreter sehen zu können, als ihn Juli Zeh vorgibt? Ist es wirklich so schlimm, dass Hannah Herzsprung mit ihren 45 Jahren zu alt für Mia Holl erscheint, in Wahrheit aber die zur Ärztin weiterentwickelte Biologin wirklich herausragend spielt?
Die Gesundheitsdiktatur, die die Talkshow-erfahrene Schriftstellerin in ihrem Frühwerk entworfen hat, wird auch in der Verfilmung von Lena Stahl so grausam dargestellt, dass sie – zurecht oder zu Unrecht – nicht nur in der Corona-Pandemie zum Vergleich zahlreicher feuilletonistischer Ausführungen wurde, sondern auch in unserem jetzigen KI-Zeitalter. Die enthaltenen Warnungen, unsere so lebenswerte Demokratie gegen einen Überwachungsstaat einzutauschen, der zwar ein Mehr an Gesundheit bietet, aber uns so viele Freiheiten nimmt, werden auch die Schülerinnen und Schüler, die zuvor im Unterricht den Roman analysiert haben, mit in ihre Zukunft nehmen und sich erinnern, sobald es Parteien geben sollte, die diese einschränken wollen.
Dirk Wippert
