Featured

„Gekommen, um zu bleiben!“ – Ira Peter fasziniert am GGG mit Veranstaltung zu Russlanddeutschen

„Meine Mutter ging 1993 zurück nach Kasachstan. Sie musste dort ihre Seele abholen! Kasachstan zerfiel immer mehr! Meine Mutter kam daher zurück nach Deutschland und wir alle wussten: Wir waren gekommen, um zu bleiben!“, liest Ira Peter. Die 43-jährige Mannheimerin steht auf der Bühne des Goethe-Gymnasiums und blickt in die faszinierten Augen von mehr als 120 Menschen, die ihr an diesem Abend zuhören: „Die Würde meiner Eltern war antastbar! Der Spiegel titelte: ´Ansturm der Armen!´ und ´Treck aus dem Osten´ und auch die Bundesregierung aus Union und FDP hat in den 1990er Jahren viel zu wenig aufgeklärt, wer wir Russlanddeutschen eigentlich sind. Im Bonner Haus der Geschichte wird die Geschichte der Russlanddeutschen klischeehaft auf ein Regal aus einem russischen Supermarkt verkürzt! Das wird der Sache nicht gerecht! Das ist eine Frechheit! 90% der Berufsabschlüsse wurden nicht anerkannt. Mein Vater ging daher einer Schwarzarbeit nach. Wegen der Umbrüche gab es viele Suizide.“

„Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ heißt das Buch von Ira Peter und am 2. Oktober 2026 wurde die Geschichte und die politische Situation der Russlanddeutschen dem Publikum in einer Weise nähergebracht, wie sie vielen nicht bewusst gewesen sein dürfte. Womöglich konnten in den 90 Minuten sogar einige Vorurteile ausgeräumt werden, 90 Minuten, in denen die 1992 nach Buchen im Odenwald übergesiedelte Ira Peter nicht nur las, sondern auch eindrückliche Fotos ihrer Kindheit und Jugend zeigte, zurückblickte auf die Zeit der Ausreise von Deutschen nach Osteuropa im 18. Jahrhundert und 90 Minuten, in denen sie ein bemerkenswertes Bühnengespräch mit Schulleiter Martin Stein führte, der selbst eine Kindheit auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in Ost-Berlin verbrachte und dabei im Umgang mit den Ostdeutschen nach 1990 einige eindrucksvolle Parallelen entdecken konnte. Nicht zuletzt: 90 Minuten, in denen Ira Peter zahlreiche Fragen aus dem Publikum beantwortete.

„Wir waren Flüsterdeutsche!“, verriet Ira Peter. Die Assimilierungsdruck habe dazu geführt, dass das Russische nur noch unauffällig geflüstert wurde, um in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen: „Ich wollte angepasst sein! Später habe ich bemerkt: Ich werde mein Ziel nicht erreichen! Aber kommt es darauf an? Nein, viel wichtiger ist doch meine Einstellung zur Gesellschaft und zum Grundgesetz! Ich fürchte mich davor, dass die AfD an die Regierung kommt und beschließt, dass ich zurück nach Kasachstan gehen muss, da ich nicht Deutsch genug bin.“

Jassin Popalzai aus der 13. Jahrgangsstufe wollte wissen, ob die deutsche Bundesregierung mittlerweile aus ihren Fehlern gelernt habe und die Berufsabschlüsse der Menschen, die heute nach Deutschland kommen, anerkenne, woraufhin die ehemalige Stadtschreiberin von Odessa unterstrich, dass dies seit 2012 geschehen sei. Ein Problem sei aber, dass viele, die nach Deutschland eingewandert seien, nicht sofort arbeiten dürften. Darüber hinaus seien Sprachkurse gekürzt und somit Integrationsschritte versäumt worden. Man müsse mit den Menschen würdevoll umgehen. Das erzeuge Frust auf allen Seiten.

Gerhard Höfling-Koppenhöfer erkundigte sich, ob es kein Widerspruch sei, wenn Russlanddeutsche, die in Russland so viel Leid erfahren hätten, nun Sympathie für Russland äußerten. Auch hier musste die Bloggerin nicht lange überlegen: „Das ist ein klarer Widerspruch! Sie solidarisieren sich damit mit dem Aggressor Russland!“ Russland sei ein totalitäres System. Niemand, der hier russlandfreundliche Parteien wähle, würde den deutschen Pass abgeben. Es sei völlig irre, wie man mit Russland sympathisieren kann, das Stalin verherrliche.

Maria Kulchak (MSS 13) hakte nach: „Stimmt es, dass Russlanddeutsche die AfD wählen?“ Hier differenzierte die Journalistin, die häufig für „Zeit online“ und den SWR schreibt. Der Anteil sei nicht signifikant höher als jener der Nicht-Russlanddeutschen. Die AfD sei jedoch die erste Partei gewesen, die ihr Parteiprogramm ins Russische übersetzt habe. Obwohl sie zu 90% Deutsch könnten, fühle sich das für einen Teil der Russlanddeutschen gut an, ebenso, wenn die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel von „Liebe Landsleute“ spreche. In den 1990er Jahren hätten fast alle Russlanddeutschen CDU gewählt, da der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dafür gesorgt habe, die Russlanddeutschen nach Deutschland zu holen. Das Narrativ, die AfD sei eine Partei der Russlanddeutschen, sei falsch.

Auf Nachfrage von Laetitia Schwalbe (MSS 13), ob sie bereits vor ihrer Ankunft in Deutschland Kontakt zu ihren Verwandten gehabt habe, bejahte dies die im heutigen Astana geborene Podcasterin.

Die Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse Geschichte und Sozialkunde (MSS 13) waren im Unterricht auf die Veranstaltung vorbereitet worden.

Die Begrüßung hatte Martin Stein vorgenommen, indem er darauf verwies, dass ein Fünftel der Germersheimer Bevölkerung einen russischen Hintergrund habe. Der Schulleiter bedankte sich für die Initiative der Germersheimer Stadträtin Heidi Kokkinis-Brotz (FDP) und die Organisation durch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, für die deren Leiter des Länderbüros Hessen/Rheinland-Pfalz, Patrick Walz, einführende Worte sprach.

Im Anschluss bestand die Möglichkeit Ira Peters Buch am Stand der Universitätsbuchhandlung Hilbert zu erwerben und es sich von der Autorin signieren zu lassen, wovon das Publikum reichlich Gebrauch machte.

Das Goethe-Gymnasium bedankt sich bei Ira Peter für eine unglaublich aufschlussreiche Veranstaltung, die allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Dirk Wippert

Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium
August-Keiler-Straße 34
T +49 7274 7024-70
76726 Germersheim F
+49 7274 7024-80
Öffnungszeiten Sekretariat: M Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Mo-Do  7:15 - 16:00 Uhr W  www.goethe-gym-ger.de
Fr          7:15 - 13:30 Uhr    

 

Free Joomla templates by Ltheme