„Waren für die Nazis die Jüdinnen und Juden sowie die Sinti und Roma gleichrangig?“, will Lilli Kurth Barbier wissen. Die Zwölftklässlerin schaut gespannt nach vorne in Richtung Pult. „Die Jüdinnen und Juden wurden als Feinde betrachtet!“, erklärt Peter Zank und Jacques Delfeld ergänzt: „Die Nationalsozialisten haben die Jüdinnen und Juden und die Sinti nicht als kulturelle Gruppe gesehen, sondern diese rassifiziert und damit auf die biologische Ebene verschoben. Die Jüdinnen und Juden sind die Hauptgegner gewesen, da es unter ihnen besonders viele Intellektuelle gegeben hat, während Sinti und Roma als völlig unbedeutende Parasiten gegolten haben, die mit Insekten oder einer Rattenplage verglichen wurden.“

Die Schülerinnen und Schüler sind sprachlos – und nicht nur in dieser Situation, sondern beispielsweise auch, als Peter Zank ausführt: „Nach der Nazizeit kam meine Familie 1950 zurück nach Rodalben. Einige Leute aus dem Ort haben gesagt: ´Was macht denn ihr hier? Ich habe gedacht, ihr seid endlich alle für immer weg!´“
90 Minuten lauschten die 25 Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse Geschichte und Sozialkunde am 11. Juni 2026 gebannt den Ausführungen von Jacques Delfeld, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz, und Peter Zank, Bildungsreferent der Gedenkstätte Neustadt an der Weinstraße und Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde, zu ihren jeweiligen Familiengeschichten und konnten zahlreiche Fragen stellen.
Jacques Delfeld aus Rülzheim erzählte dabei über seine Vorfahren namens Winterstein, Peter Zank aus Rodalben über das Schicksal seiner Verwandten mit dem Nachnamen Frank. Abwechslungsreich wirkte die Veranstaltung, indem die Präsentation und das Gespräch immer wieder durch beeindruckende Fotos aus der Nazizeit ergänzt wurden, beispielsweise von Neustadter Straßen, in denen aus nahezu jedem Fenster eine Hakenkreuzfahne hing.
„Welcher Religion gehören die Sinti und Roma an?“, wollte Laetitia Schwalbe wissen, woraufhin Jacques Delfeld ausführte, dass vor einigen Jahrzehnten noch 98% der in Deutschland lebenden Sinti und Roma römisch-katholisch gewesen seien, heute aber 20-30% dem Islam angehörten.
Jassin Popalzai erkundigte sich, ob die Sinti und Roma vor 1933 offen mit ihrer Zugehörigkeit zu der Minderheit umgegangen seien. Jacques Delfeld unterstrich, dass es auch vor 1933 Antiziganismus in Deutschland gegeben habe und die Sinti und Roma schon damals nicht gern gesehen worden seien. Peter Zank ergänzte, dass es die Begriffe Antiziganismus und Antisemitismus vor 1933 nicht gegeben habe.
Nach dem Ermächtigungsgesetz im März 1933 sei das Konzentrationslager in Neustadt für politische Gegner eingerichtet worden. Jüdische Geschäfte seien boykottiert worden. Jüdinnen und Juden durften keine Professorinnen und Professoren, Ärztinnen und Ärzte, Lehrkräfte sowie Beamtinnen und Beamte mehr werden. Sinti und Roma sowie Jüdinnen und Juden, Homosexuelle und die Zeugen Jehovas seien als Fremdrassen verfolgt worden.
Peter Zank fügt hinzu, die Propaganda der Nazis sei perfekt gewesen: Kino, Radio, Zeitungen. Der Gauleiter der NSDAP in der Pfalz, Josef Bürckel, sei aus Lingenfeld gewesen. Mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 sei den Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma Verbindungen mit Deutschen verboten gewesen. Jacques Delfeld machte klar, dies sei zuvor eine Grauzone gewesen, ab dann habe es ein Gesetz gegen Artfremde gegeben. Nach der Reichspogromnacht am 9.11.1938 seien die Verwandten ins Konzentrationslager Dachau gekommen. Über die Kindertransporte sei seine Mutter 1939 nach London gelangt. Peter Zank verdeutlichte, dass die Kindertransporte nicht geheim gewesen seien, sondern die Nazis dafür Geld bekommen hätten.
Jacques Delfeld führte aus, dass sein Großvater bis 1940 in Rülzheim als Maurer gearbeitet habe. Bereits 1938 habe es rassehygienische Maßnahmen gegeben, im Zuge derer die Augen, die Nasenlänge und das Gehirn erforscht wurden. 1940 seien seine Verwandten im Stammlager Festung Hohenasperg interniert worden. Den Sinti-und-Roma-Familien seien die Ausweise weggenommen und „Zigeunerausweise“ ausgestellt worden. Danach seien sie in Lager deportiert worden, die heute in Polen liegen.
Peter Zank erinnerte daran, dass die Jüdinnen und Juden aus der Pfalz ins ehemalige Konzentrationslager Gurs an der französisch-spanischen Grenze deportiert wurden. Jacques Delfeld erzählte, dass sein Großvater 1942 bis 1945 in den Konzentrationslagern Dachau, Neuengamme und Sachsenhausen gewesen sei und schließlich befreit werden konnte. Bis zu seinem Tod 1973 habe er beteuert, sich an den Hunger und die Kälte im Lager erinnern zu können und dort Birkenrinde gegessen zu habe.

Mileen Schander wollte wissen, wie die Sinti und Roma sich selbst bezeichneten, woraufhin Jacques Delfeld erklärte, dass sich Sinti und Roma sich nie als „Zigeuner“ bezeichnet hätten, sondern immer als Sinti oder Roma. In Westeuropa gebe es 98% Sinti, in Osteuropa sei das Verhältnis andersherum.
Laetitia Schwalbe erkundigte sich nach der Sprache der Sinti und Roma. Jacques Delfeld erläuterte, dass es in den jeweiligen Staaten eine enorm hohe Anpassung an die jeweilige Landessprache gebe. Man spreche das sogenannte Romanes, eine dem indischen Sanskrit ähnliche Sprache. Hierbei heiße beispielsweise der Stuhl „stulo“, was aber sehr nahe am Deutschen sei und in anderen Staaten anders ausgedrückt werde. Insgesamt sei die Sprache aber im Rückgang.
Lilli Kurth Barbier wollte wissen, woher der Begriff „Zigeuner“ kommt. Jacques Delfeld erläuterte, dass dies ein Begriff für alle „Umherziehenden“ sei.
Jassin Popalzai fragte, was Sinti und Roma unterscheide und verbinde. Jacques Delfeld erläuterte, dass die Herkunft Punjab im heutigen Indien und Pakistan sei. Die Sinti und Roma seien um das Jahr 1000 eingewandert, die Sinti nach Westeuropa, die Roma nach Osteuropa und Spanien. Man habe sich der deutschen Kultur angepasst.
Auf Frage von Lilli Kurth Barbier verneinte Peter Zank, seinen Davidstern – im Gegensatz zur Veranstaltung – in der Öffentlichkeit zu tragen. Persönlich sei er schon antisemitisch angegriffen worden.
Jacques Delfeld ergänzte, dass in der nationalsozialistischen Zeit 6 Millionen Jüdinnen und Juden sowie eine halbe Million Sinti und Roma umgebracht wurden. 1945 sei seine Familie zurück nach Rülzheim gekehrt und ein Grundstück am Waldrand bezogen, weil man die Familie in der Ortsmitte nicht haben wollte. Der Schulweg der Mitschülerinnen und Mitschüler seiner Mutter habe an dem bauwagenähnlichen Gebäude vorbeigeführt und seine Mutter habe sich immer dafür geschämt.
Jacques Delfeld rief angesichts eines verstärkten Antiziganismus und Antisemitismus dazu auf, sich zu wehren und den Mut zu haben zu widersprechen, wenn sich Menschen abfällig über Sinti und Roma oder Jüdinnen und Juden äußerten.
Die Schülerinnen und Schüler können auf eine äußerst gelungene Veranstaltung zurückblicken und das Goethe-Gymnasium bedankt sich bei Jacques Delfeld und Peter Zank für die sehr tiefen Einblicke in das Leben der Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma.
Dirk Wippert
