„Sollte die AfD zu TV-Duellen eingeladen werden?“, fragt Finjas Schwarz. Der Zwölftklässler sitzt in einem großen Stuhlkreis in Raum 147 und blickt gespannt nach links. Dort sitzt ein 85-jähriger Mann, der nicht lange zögert: „Selbstverständlich. Die Meinungsfreiheit gilt extensiv! Diese darf sie auch in Talkshows vertreten. Der Rundfunk ist nur eine Plattform. Letztlich geht es nur um Macht und Einfluss, aber in vier Jahren findet wieder eine Wahl statt!“ Der Schüler des Geschichte-Leistungskurses ist noch nicht zufrieden: „Aber wo ist die Grenze, um die Demokratie zu schützen?“ Wieder dauert es keine Sekunde, bis Hermann Otto Solms antwortet: „Toleranz gegenüber Intoleranz ist dumm! Es gibt das Strafrecht. Parteien werden überprüft und können verboten werden. Bei der NPD ist dies nicht gelungen!“

Ende des Schlagabtauschs? Vorerst ja, aber nicht nur dieser Wortwechsel zwischen Finjas Schwarz und dem langjährigen Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags fesselte die 30 Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse Geschichte und Sozialkunde aus der Jahrgangsstufe 12 am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium Germersheim am 13. Januar 2026, sondern jede Menge Debattenpunkte mehr.
Elena Berge legte nach und erkundigte sich angesichts der Gründung der AfD-Nachwuchsorganisation „Generation Deutschland“ nach einem Verbot der zeitweilig als rechtsextremistisch eingestuften Partei. Doch auch hier verneinte der ehemalige Fraktionsvorsitzende der FDP: „Ich bin gegen Parteienverbote! Das muss ein demokratisches System aushalten. Die Mehrheit der AfD-Wähler sind nicht überzeugte Rechtsextreme!“ Die AfD-Wähler könne man mit überzeugender Politik zurückgewinnen. Beispielsweise sei die Rente nicht finanzierbar, wie sie Schwarz-Rot plane. Den Parteien fehle es an Mut. Wenn es 2026 nicht mit einer echten Rentenreform klappe, bekäme die AfD bei der nächsten Bundestagswahl 30%. Auf Elena Berges Einwand, die AfD sei antidemokratisch und gefährlich, entgegnete der einstige FDP-Schatzmeister, man müsse die Partei mit demokratischen Mitteln bekämpfen
Jette Dreyer wollte wissen, ob Hermann Otto Solms die Frustration der Wähler verstehen könne. Der aus dem hessischen Lich stammende Ehrenvorsitzende seiner Partei bedauerte, dass sich seit 2009, als er das Steuerkonzept für den damaligen Parteivorsitzenden Guido Westerwelle ausgearbeitet habe, nichts verändert habe. Er selbst sei 2011 nach dem Super-GAU von Fukushima gegen die Abschaltung der Atomkraftwerke gewesen. Dies habe er Bundeskanzlerin Angela Merkel auch mitgeteilt und Ersatz für den auf diese Weise gewonnenen Strom gebe es bis heute nicht. Die Stromtrassen seien auch heute noch nicht gebaut. Den Bau dieser habe er 2017 während der Jamaika-Koalitionsverhandlungen auch Simone Peter vorgeschlagen, aber die damalige Vorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen habe aus Rücksicht auf die Bürgerinitiativen nicht zugestimmt. Die Frustration sei existent, obwohl die Verkehrswege nach der Deutschen Einheit im Osten massiv ausgebaut worden seien.
Ob denn die Kooperation im Deutschen Bundestag früher leichter gewesen sei, fragte Jette Dreyer, woraufhin der Bankkaufmann verdeutlichte, bis zum Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 sei dies so gewesen, da es bis dahin nur ein Parlament aus drei Fraktionen gegeben habe. Hiernach seien mit Die Linke und der AfD noch zwei extreme Parteien hinzugekommen.
Finjas Schwarz hakte nach und wollte wissen, wie es denn einen Solidaritätswandel im Bundestag geben könnte. Darum gehe es nicht, unterstrich der ehemalige Unternehmer sogleich. Es fehle an Mut und es herrsche Angst für unpopuläre Entscheidungen abgestraft zu werden. Der letzte mutige Bundeskanzler sei Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 gewesen und dieser sei dafür nach der nächsten Bundestagswahl abgewählt worden. Angela Merkel habe die CDU nach links gerückt. 2015 sei ihr „Wir schaffen das!“ ein großer Fehler gewesen. Die Leute hätten sich hiernach auf den Weg gemacht.
Jassin Popalzai thematisierte die konservativ-liberale Denkfabrik „Republik 21“, die Hermann Otto Solms mitbegründet hat und der eine Normalisierung im Umgang mit der AfD vorgeworfen wird. Diesbezüglich führte der promovierte Ökonom aus, dass er nicht aktiv mitmische. Deren Vorsitzender Andreas Rödder sei ein hochintelligenter Wissenschaftler und eine Zusammenarbeit mit der AfD strebe R21 nicht an. Lediglich Minderheitsregierungen seien von ihr ins Spiel gebracht worden.
Elisa Eckers Frage, ob ihre eigene Generation immer radikaler werde oder ob es das früher schon gegeben habe, beantwortete der ehemalige Alterspräsident des Deutschen Bundestags mit der 68er-Generation, die er miterlebt habe. Damals wie heute habe gegolten: „Wer mit 18 nicht links ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch links ist, hat keinen Verstand!“ Er rief die Jugendlichen auf, sich aktiv einzubringen. Selbst sei er auch erst mit 40 Jahren in den Bundestag eingezogen.
Die Bedrohung durch Indien und China für deutsche Unternehmen wollte Jassin Popalzai erörtert sehen. Das Gründungsmitglied des Fördervereins Gedenkstätte Berlin‑Hohenschönhausen hob hervor, dass Gewinne stets reinvestiert werden müssten. Bedingung für Leistung und Produktion seien mutige Entscheidungen. Deutschland aber habe die zweithöchsten Steuern auf der Welt und es gebe einen Brain Drain. Die US-Eliteuniversitäten würben superintelligente Leute an. Das Konzept der SPD, die Erbschaftssteuer zu reformieren, sei pure Ideologie. Theo Müller von Müller-Milch habe es richtig gemacht, habe mit drei Mitarbeitern begonnen und führe heute einen europaweiten Konzern. Gleich im ersten Jahr habe er 99% reinvestiert. Nun sei er aber schon lange nach Zürich ausgewandert, da er dort keine Erbschaftssteuer zahle. Das sei die Situation der Mittelständler. Er selbst sei Spieleentwickler gewesen und habe im vierten Geschäftsjahr drei Millionen Mark Gewinn gemacht.
Finjas Schwarz interessierte, woher Hermann Otto Solms Geld bekommen wolle. Schließlich müsse man die Rente finanzieren und eine Kürzung des Bürgergelds bringe ja nicht viel. Mit Regulieren und Verboten komme man nicht weiter, erwiderte das Mitglied im Kuratorium der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Die Verwaltung werde ständig größer. Man brauche einen Kahlschlag. Wer nicht arbeiten wolle, solle nichts bekommen. Stattdessen solle ein Staatsfonds wie in Norwegen aufgebaut werden. Bundeskanzler Friedrich Merz habe die größte Wahllüge zu vertreten, da er mit Schwarz-Rot und der Hilfe der Grünen eine Billion Schulden gemacht habe. Der Koalition fehle es an Mut.
„Was halten Sie von der Idee, Reiche stärker zu besteuern und dafür Unternehmen zu entlasten?“, erkundigte sich Elena Berge. „Davon halte ich nichts!“, bekannte der Liberale. „Über 50% Spitzensteuersatz halte ich für nicht zumutbar.“ In Erbschaften stecke immer auch die Leistung der Erblasser.

Burhan Güneş insistierte bezüglich der Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Man würde sehr viel einsammeln und Reiche würden nicht auf der Straße landen. Davon ließ sich der Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland nicht beirren und stellte die Gegenfrage, was der Staat mit dem Geld mache. Er müsse es reinvestieren und nicht in Verwaltung und Soziales stecken. Die Reichen gingen womöglich ins Ausland. Seit 2015 habe es eine Einwanderung in die Sozialsysteme gegeben.
Finjas Schwarz stellte heraus, dass die Schwarz-Gruppe doch bestimmt nicht aus Deutschland wegziehe, woraufhin Hermann Otto Solms deutlich Position für Dieter Schwarz bezog, der in Deutschland eines der größten europäischen Rechenzentren baue und zusätzlich die Universität Heilbronn fördere. Dazu sei der Staat nicht in der Lage. Leistungen müssten wieder etwas zählen. Mit einem Wirtschaftsdiktator Schwarz habe das überhaupt nichts zu tun. Jedes Unternehmen wolle wachsen.
Ob angesichts der gescheiterten Ampel-Koalition, der aktuellen Probleme von Schwarz-Rot und auch der sehr unbeliebten schwarz-gelben Regierung unter Angela Merkel überhaupt noch irgendeine Regierung von Erfolg gekrönt sein könne, beantwortete der elder statesman damit, dass man stets positiv denken müsse.
Nach 90 spannenden Minuten kann das Goethe-Gymnasium Germersheim auf eine sehr gelungene Veranstaltung zurückblicken und bedankt sich bei Lehrer Philipp Steul für die Initiative sowie bei Hermann Otto Solms für den Besuch, der sich für alle Seiten erheblich gelohnt haben dürfte und noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Dirk Wippert
