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„Ich habe immer rebelliert!“ – Hohenschönhausen-Gefangener Norbert Sachse besucht 10ay im Unterricht

„Hatten Sie Hoffnung auf ein normales Leben nach dem Gefängnis?“, fragt Bothaina Al-Surabi und blickt nach vorne zum Pult, wo heute nicht ihr Geschichtslehrer steht, sondern Norbert Sachse. Der 69-Jährige lächelt und verkündet: „Ich war nie sehr fügsam im Gefängnis! Ich habe immer rebelliert! Auf jeden Fall hatte ich diese Hoffnung!“ Bothaina und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler können kaum glauben, was ihnen der in der DDR als „Staatsverbrecher“ geltende Rentner aus seinem Leben erzählt. 90 Minuten lang lauschen sie gebannt, was die SED-Diktatur dem aus dem sächsischen Zschopau stammenden „Staatsfeind“ angetan hat.

Doch nicht nur Bothainas Frage faszinierte die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10a und 10y des Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasiums Germersheim am 10. Mai 2022, sondern auch Norbert Sachses eindrücklicher Vortrag aus seinem Buch „Die Akte S. Fünf Jahre in den Mühlen des MfS“, welches 2017 erschien. Schockierend wirkten hierbei die detailgetreuen Grausamkeiten am ersten Hafttag im Gefängnis Torgau, welche der Autor zum Einstieg in die Veranstaltung vorlas.

Im weiteren Verlauf schilderte der mittlerweile in Heidelberg lebende Zeitzeuge, wie er die Zeit ab seinem 16. Lebensjahr in den Gefängnissen der Staatssicherheit in Bautzen, Cottbus und Hohenschönhausen verbrachte, da er 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Sowjetunion protestierte und seine Kritik am DDR-Unrechtsstaat niemals widerrief.

Amal El-Sharkawy wollte wissen, warum Sachse als Protestform Hakenkreuze gesprüht habe, woraufhin dieser antwortete, dass er den Einmarsch der UdSSR in die CSSR mit jenem Nazideutschlands in die Tschechoslowakei gleichsetzen wollte.

Jasmin Schaaf interessierte, warum Sachse 1975 von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurde. Sachse unterstrich, dass die DDR das Geld dringend benötigt habe.

Mohamed Tribel erfragte, ob Sachse irgendetwas an der DDR vermisse, woraufhin dieser vehement verneinte.

Elinor Nebs Frage, worin sich Sachses Leben in der Bundesrepublik von jedem in der DDR unterschieden habe, beantwortete dieser mit: „Eigentlich in fast allem. Man war viel freier und konnte kontroverse Meinungen äußern!“

Maya Wendel informierte sich, ob Sachse Freunde gehabt habe, die sich später als Stasi-Mitarbeiter herausgestellt hätten. Für seine 2000 Seiten umfassende Stasi-Akte habe er sich zunächst nicht interessiert, habe aber gewusst, wer ihn ausspionierte. Am Tag des Mauerfalls 1989 habe er sich als Gewinner gefühlt. Er habe immer gewusst, dass die DDR nicht ewig existieren könne.

Amal El-Sharkawy erkundigte sich wie es als einziger politischer Gefangener mit „echten“ Straftätern zusammen in einer Zelle gewesen sei. Sachse betonte, dass er unter den 26 Leuten in seiner Zelle eine klare Hierarchie gegeben habe, in die er sich einfügen habe müssen.

Zu seinem Verhältnis zur Partei Die Linke hob Sachse hervor, dass sich niemand so sehr wie er über die Wahlverluste der SED-Nachnachfolgepartei wie jüngst bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein freue.

Yasmin Tawil fragte nach den Reaktionen der Familie, woraufhin Sachse ausführte, dass er alle paar Monate von einem Familienmitglied besucht werden durfte, hierbei aber keine politische Diskussion möglich gewesen sei.

Auf die Frage von Fabian Hammer, was er als erstes im Westen nach seinem Freikauf getan habe, antwortete Sachse, zuerst habe er ein Bier geöffnet.

Nach zwei Schulstunden kann das Goethe-Gymnasium auf eine herausragende Veranstaltung zurückblicken, die den Schülerinnen und Schülern noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird, Erfahrungen, die sie im Zuge ihrer Fahrt nach Berlin im Juni 2022 vertiefen können, wenn der Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen auf dem Programm stehen wird.

Dirk Wippert

 

 

„Wenn ich mich hätte töten wollen, hätte ich Benzin zum Entzünden genommen“ – Norbert Sachse beim Besuch der 10. und 8. Bilingual-Klassen

„Ich wollte nur zeigen, dass ich bereit wäre zu sterben, wenn ich nicht aus der DDR ausreisen durfte. Deshalb habe ich mich auf dem Berliner Alexanderplatz selbst entzündet", erklärt Norbert Sachse bereitwillig bei seinem zweiten Besuch des Goethe-Gymnasiums am 17.5.2022 90 Minuten lang den interessierten Schülern und Schülerinnen.

Rosalie Zinßmeister wollte wissen, ob ihm damals die Konsequenzen für das Verteilen seiner Flugblätter bewusst gewesen sei. Tatsächlich war ihm das damals nicht bewusst, aber er bereut heute nichts, außer, dass er seinen Ausreiseantrag erst ein Jahr später hätte stellen sollen, weil die Ausreise erst mit 21 Jahren möglich war.

Lukas Lerg fragte nach seinen Gefühlen, als er mit dem Bus die deutsch-deutsche Grenze überquerte. Es war tatsächlich eine stille Freude aller, die im Bus saßen und von der BRD-Regierung freigekauft worden waren mit vielen Umarmungen.

Am Ende eines spannenden Vortrages erkundigte sich Miriam Malthaner nach Herrn Sachses Gefühlen bezüglich der ehemaligen SED-Mitglieder. Durch seine überdurchschnittlich hohe Resilienz und seine Freude darüber, aus der DDR herausgekommen zu sein, hege er keinerlei Rachegefühle oder Verbitterung.

Wir bedanken uns für einen sehr guten und aufschlussreichen Vortrag und die Offenheit von Norbert Sachse und freuen uns auf ein Wiedersehen.

Jennifer Zimprich

 

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